Die Welt

Ein Projekt: 100 realen Orten und Zeiten werden 100 kurze Geschichten zugeordnet.

Zweite Hoffnung

Der Mann hat einen Arm, dafür ein Foto des Generalissimus in der Rezeption der Herberge, wo er die Ausweise der Jugend überprüft, die an diesen Ort kommt wie Amerikaner, die Vitaminpillen schlucken, weil frisches Obst voll von Keimen ist. Was würde er sie alle, aber er ist niemand mehr, mit seinem Schlüsselbund im Haus der Kakerlaken. Die sind alles, was nach vierzig Jahren geblieben ist, die Kakerlaken und der Generalissimus.
Der hat vier Gliedmaßen, die Kakerlaken haben sechs, und er hat drei. Was haben sie ihm versprochen an Plätzen, an denen die heilige Jungfrau spitze, weiße Kapuzen trägt. Aber die Jungfrau ist ausgewandert wie viele, und die Falschen kommen ins Land.
Die anatomischen Fabriken wären eine Hilfe gewesen, nur wurden sie nie gebaut, erst wegen des Krieges, dann wegen eines Omens aus dem Wirtschaftsministerium. Der Generalissimus weiß es oder auch nicht. Er wälzt sich im Bett und spricht mit den Fliegen. Die Gänge seines Palastes sind mit Ordonannzen zugekleistert, nur die Fliegen finden den Weg.
So bleiben die Faschisten fett um die Leibesmitte, verknorpelt oder amputiert. Woher sollen die perfekten Körper der Übermenschen kommen, wenn die mechanische Anatomie für die Produktion von Schmerzmitteln aufgegeben wurde.
Die Kakerlaken fühlen keinen Schmerz. Sie liegen unter dem Schuh, und wenn der Fuß sich hebt, krabbeln sie weiter. Sie ignorieren Hitze und Kälte, überleben im Vakuum und können tagelang ohne Kopf herumlaufen. Die Kakerlaken sind die Faschisten der Zukunft.
Sie rollen eine Vitaminpille über den Fußboden, während ein Gast über den Schalter langt und seinen Pass nimmt. Er verlässt die Rezeption ohne zu zahlen, dafür nickt er dem Foto des Generalissimus zu.
Der Mann hält ihn nicht auf. Er kniet bewundernd vor einer Kakerlake.

(Arenys de Mar 1977)

Wolf

Ein Mann sitzt in einer Bar und denkt an den Heimweg zu seinem Hotel, das zwischen Kleingärten gewürfelt wurde, in denen die Hunde weiße Trichter über dem Schädel tragen und wie neugierige Klosterschwestern die Welt beschnüffeln. Der Weg führt an einer Mauer vorbei, hinter der am Tag monströse gallertige Eier auf Liegestühlen ruhen. Durch das Torgitter hat er die Stadien der Verwandlung beobachtet, wie das Fett zunächst über die Geschlechtsorgane wuchert, bis die Badekleidung nicht mehr der Schicklichkeit sondern dem Schutz vor dem Grauen dient. Triefende Wülste schieben sich beharrlich die Arme und Beine entlang, zwingen sie an den Rumpf und füllen schließlich vom Nacken und den Backen aus den Raum zwischen Schultern und Schädeldecke, bis die Eiform erreicht ist, auf die das Personal ein buntes Käppchen setzt.
Der Mann fragt sich, ob an der Mauer ein Werwolf wartet, auch wenn dahinter kein wirklicher Friedhof liegt, ein Wolf mit schuldbewusstem Blick aus einem weißen Trichter. Das macht den Mann sicher, dass von Heimweg nicht die Rede sein kann.

(Sarvar 2007)

Hinweis...

Die Welt

Der junge Reisende verbeugte sich mit der Grazie einer Erinnerung.
Aragon: Die Abenteuer des Telemach