Prosa

Die Verlobung

von Gerald Jatzek

Die beiden waren das Frühlingswunder des Hotels, zu dem Inländer nur mit schriftlicher Genehmigung Zutritt haben. Selbst der Polaroidmann schien beeindruckt. Wenn sie sich bewegte rief der Mitternachtsvogel aus den weiten, schwingenden Ärmeln ihres Kleides, und das sanfte Parfum hatte ihr ein Impressionist hinters Ohr getupft.

Sein Gesicht war dunkel und jung, mit den kleinen Kerben, die aus dem Entwurf eines modischen Gartenarchitekten eine Landschaft machen. Sie war die Prinzessin, er der Pirat.

Sie griffen immer gleichzeitig nach ihren Cocktails. Wenn sie sich mit der Vorsicht einer Verschwörung unterhielten, schloss sogar der Zwerg auf seinem Stammplatz am Ende der Theke sein Lästermaul und lauschte, als könnte ein aufgeschnappter Halbsatz seinen Buckel zum Verschwinden bringen. Alle waren gekommen, um sie zu bewundern: der Afrikaner, die Tamilen, die Kurden, die Familie aus Kosovo, sogar der steinalte Russe, der jeden, mit dem er mehr als zwei Sätze wechselte, als Spitzel verdächtigte. Bloß der Polaroidmann war beruflich unterwegs.

Auf Fragen antworteten die beiden im Duett. Man konnte sie berühren, was bewies, dass sie sich nicht auf einer Filmleinwand befanden. Trotzdem hätte es niemanden erstaunt, wäre der Afrikaner ans Klavier gegangen, um ein melancholisches Lied zwischen die Kreppgirlanden und Papierschlangen zu schicken.

Der Polaroidmann gab sich einen Ruck und drapierte die Vase mit den Rosen zwischen den Gläsern mit den gleichgültigen Bewegungen eines Mannes, der sein Leben lang auf der falschen Seite der Linse steht.

Ein älterer Tamile stellte sich mit ausgebreiteten Armen in die Mitte des Raumes und trug etwas vor, von dem er behauptete, es sei das Lied der jungen, wartenden Frauen. Das war schon in Ordnung, denn das Klavier hatte der Besitzer verkauft, als die freiwilligen Gäste ausgeblieben waren. Zum Vergnügen wohnte hier niemand mehr.

Der Polaroidmann spritzte mit spitzen Fingern Tropfen auf die Blüten. Für die Lichteffekte, wie er sagte. Wahrscheinlich war es bereits die dritte Veranstaltung, die der Strauß überleben mußte.

Die Geigen kamen aus dem Kassettenrekorder der Albaner. Doch der Tüll raschelte, und die Schuhe schienen über das Parkett zu schweben wie an einem großen Abend in einem richtigen Hotel mit richtigen Gästen. Jemand rief einen Toast, und alle rissen ihre Gläser in die Höhe, als hätten sie nichts zu verschütten.

Der Pirat und die Prinzessin sogen an zwei Strohhalmen aus einem Glas, eine Einstellung, die sich kein Kameramann der Welt hätte entgehen lassen. Der Polaroidmann jagte seinen Blitz durch den Raum.

Während alle auf den Apparat starrten, aus dem sich Millimeter um Millimeter das Bild schob, machten die beiden einander auf die Formen der halbgeschmolzenen Eiswürfel aufmerksam. Auf die Zukunft, die sich daraus lesen lässt. Sie kicherte und schüttelte den Kopf. Er nickte. Schließlich teilten sie sich die Kirsche aus dem Cocktailglas.

Der Zwerg war der erste, der die Pranke nach dem Foto ausstreckte. Der Polaroidmann hatte den Schein noch nicht in der Jacke verstaut, da wanderte es schon von Hand zu Hand. Als es zurückkam, hatte der Pirat bereits deutliche Tränensäcke. Und erinnerte, mit seinen hängenden Schultern unter dem viel zu großen Sakko, an einen Reisenden ohne Auftrag. Somit an alle, die hier versammelt waren.

Die Barhocker aus orangefarbenem Plastik, das war nicht zu leugnen, passten zu ihren breiten Fesseln, den dunklen Flecken auf ihren Knien vom Putzen für die Geschäftsleute des Dorfes. Das geliehene Kleid mühsam in Form haltend grinste sie sich ihren Weg auf die Toilette, während ein Motor durch das offene Fenster hustete. Der Polaroidmann war bereits auf dem Weg zum nächsten Termin. Er war ziemlich erfolgreich, wie alle, die den leuten für gutes Geld ein bißchen Hollywood verkaufen.

Selbst die Kurden gaben ihre Tänze bald auf. Eine halbe Stunde vor der Nachtruhe wollte niemand den Besitzer provozieren. Wer hier wohnte, war Untertan. Die Hausordnung an der Wand hatte als provisorische Verfassung für Staatenlose zu gelten. Nichts erinnerte mehr an die Prinzessin, als sie zurückkam. Ein Landsmann trat auf die beiden zu und steckte ihnen mit fahrigen Bewegungen etwas zu. Den Schlüssel zu einem Zweibettzimmer, wie in einem richtigen Hotel.

Nachdem sie nach oben gegangen waren, hockten alle wieder auf ihren Plätzen, wie jeden Abend, in dem Raum voll abgestandenem Tratsch und Ratschlägen, von denen niemand wusste, ob sie zu gebrauchen waren. Der Kassettenrekorder schwieg. Man fing wieder an, in Fünfern zu rechnen.

Einmal knotete der Zwerg eine Schlinge aus der bunten Papierschlange, die von dem Haken über seinem Sitzplatz baumelte, und steckte den Hals hindurch. Als ihm klar wurde, dass ihn niemand beachtete, setzte er sich wieder und trank weiter.

Kurz vor zehn gingen alle ohne Auforderung auf die Zimmer, nicht ohne zuvor die Dekoration zu entfernen. Der Besitzer kam zur Kontrolle, und alle lobten das Essen, wie es von ihnen erwartet wurde. Die kurdische Köchin und der Tamile, der die Einkäufe besorgte, hörten noch einige Minuten seine Klagen über die gestiegenen Ausgaben. Sie erfuhren, wie knausrig sich die Regierung jemandem gegenüber verhalte, der sein Haus den Heimatlosen zur Verfügung stelle. Die Köchin und der Einkäufer nickten, das war Teil ihrer Arbeit, obwohl sie ganz gut rechnen konnten.

Als letzter stand der Zwerg auf. Geschickt fischte er das Foto unter dem Barhocker hervor und legte es in die Mappe, zu den gestempelten Papieren, die für ihn allesamt keinen Sinn ergaben. Oben kletterte er über die fluchenden Kurden auf sein Stockbett, in dem er noch lange wachlag und auf die Geräusche aus dem Nebenzimmer lauschte wie irgendwer. Mit einem Herzen aus Eiswürfeln.

Flucht

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