Thema: Medien

Ist Österreich für Neue Medien zu klein oder zu feig?

Von Gerald Jatzek

Ein beliebtes Kreativspiel heißt "Dickes Buch - dünnes Buch", wobei sinnvolle Kombinationen gefragt sind. Im vorliegenden Fall hieße das dicke Buch "Theorien zum Thema Literatur und Multimedia", das dünne Buch hingegen "Multimediale Praxis in Österreich". Beigelegt würde ein Flugblatt zum Thema " Produktionen im Bereich der Kinderliteratur".

Daß es kein unbeschriebenes Blatt ist, liegt an wenigen Entwicklungen, von denen freilich nur eine wirklich überzeugt.

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Das erste nennenswerte Produkt in diesem Bereich war das auf Diskette veröffentlichte Computerspiel „Abenteuer im Wald“, herausgegeben vom „Kooperationsabkommen Forst – Platte – Papier“, einem Gremium, dem Vertreter der Landwirtschaftskammern und der holzverarbeitenden Industrie angehören. Die DOS-Anwendung verpackt das Anliegen der Waldpflege in ein interessantes Abenteuerspiel mit witzigen Dialogen. Politisch korrekterweise steht wahlweise eine männliche und eine weibliche Identifikationsfigur zur Auswahl. Eine kleine Datenbank verknüpft Lösungstips mit Informationen zum Thema. Aufgrund des limitierten Speicherplatzes beschränkt sich die Interaktivität auf die Auswahl von Wegen und vorgegebenen Dialogen.

Die Bank Austria gab 1995 das Spiel „Arnie goes for gold“ heraus, ein Adventure zur Bewerbung der Megacard. Das grafisch ansprechende Spiel um die Beschaffung von Eintrittskarten für Rockkonzerte und die Suche nach einem Schatz wurde kostenlos auf Disketten abgegeben und erfreute sich einiger Beliebtheit. Die meisten Spieler waren allerdings acht bis zwölf, was die Nachfrage nach der ab vierzehn erhältlichen Megacard nicht besonders verstärkt haben dürfte.

Das sieht wohl auch die Bank Austria so, weshalb man anstelle eigener Projekte seit 1997 die CD-ROM-Ausgabe des Kino-Magazins „Skip“ unterstützt.

Während Unternehmen und Behörden mit den Neuen Medien zumindest experimentierten, wurden und werden CD-ROM und Internet von den Verlagen weitgehend ignoriert.

Der auf dem Höhepunkt der Multimedia-Euphorie als CD-ROM erschienene Katalog "Die Welt der elektronischen Bücher" (Frankfurter Buchmesse 1995) listet unter 129 deutschsprachigen Verlagen gerade drei österreichische Unternehmen auf, die Firma Braintrust sowie die auf juristische Literatur spezialisierten RDB und Manz'sche Verlagsanstalt.

Im Kinderbuchbereich wagte sich bislang allein HPT Breitschopf an die Herausgabe von CD-ROMs, logischerweise aufbauend auf Texte aus der Schreibfabrik Thomas Brezina. Als Edutainment-Titel zum Englischlernen vermarktet erschien 1995 das einfach gestrickte Adventure „Wer ist Dr. Horror / Who is Dr. Horror“. Es folgten „Alice in Horrorland“ und „Horror in Hollywood“.

Brezina ist auch mit einer eigenen knalligen Website im Internet vertreten, die vor allem Produktwerbung und das übliche anspruchslose Gewinnspiel bietet. Besonders ernst nimmt der Autor resp. sein Management das Medium allerdings nicht. Im Jänner 98 erhielt man neben der Mitteilung „Last modified July 03, 1997“ reichlich Fehlermeldungen bei nicht vorhandenen Links innerhalb der Site.

Ansonsten wird das Web von der KJL-Szene in Österreich bis heute kaum wahrgenommen. Einzig Breitschopf (http://www.hpt.co.at/hpt/) ist bereits präsent, zu den Kinderbüchern fanden sich Anfang 1998 jedoch keine Informationen.

Die bei weitem gelungenste heimische Entwicklung ist die Simulation „Der Name des Bruders“ (1997), die in der Tradition negativer Utopien der Art „Brave New World“ in einer zukünftigen Diktatur angesiedelt ist. Um das Regime zu stürzen bedarf es jedoch nicht des einzelnen strahlenden Helden sondern der Entschlossenheit eines Gutteils der Bevölkerung. Die Aufgabe des Spielers ist es, trotz Repression Informationen über die wahren Züge des Systems zu verbreiten und den Widerstand zu organisieren. Die von der Gruppe „backbone.interactive“ (vor den Vorhang!) gestaltete CD-ROM wurde allerdings nicht von einem Verlag sondern von der ÖGB-Jugend herausgebracht. Diese konnte sich aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen System Österreichs die organisatorische und finanzielle Unterstützung zahlreicher Unternehmen und Institutionen sichern, darunter BM für Wissenschaft und Verkehr, Hochschülerschaft HTU, Wiener Jugendzentren, Wiener Integrationsfonds, Wiener Städtische und Bank Austria.

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Wie sieht nun der Markt aus, für den Multimediaprodukte hergestellt werden?

- Die technologische Basis und das Interesse der Zielgruppen (Kinder, Eltern, Lehrer) sind vorhanden. Eine im Herbst 1997 veröffentlichte Studie der MGM MediaGruppe München stellt fest, daß Multimedia und Technik ein wichtiger Bestandteil des Kinderalltags sind: 22% der befragten 6 bis 13jährigen kennen sich mit dem Computer aus, 6% mit dem Internet.

- Österreich verfügt – Produktionen außerhalb der KJL beweisen dies – über fähige Entwickler, Grafiker und Programmierer.

- Die Chancen für KJL-Produkte werden sehr positiv eingeschätzt: „Das wirklich profitable Geschäft wird auch in Zukunft im "Business to Business"-Sektor gemacht. Mit Fachinformationen, insbesondere für Profis (Architekten, Ärzte, Reisegesellschaften, Technische Betriebe usw. usw.) wird mehr Geld zu verdienen sein als mit Konsumentenprodukten; denn die ‚Profis‘ wissen, was ‚Wissen‘ wert ist, was Kosteneinsparungen durch neue elektronische Informationsdienstleistungen ihnen wert sind. Hier handelt es sich um "Need-to-know"-Produkte, die einerseits nicht immer die volle Breite von Multimedia verlangen und andererseits zu höheren Preisen verkauft werden können, weil sie einen echten Nutzen bringen, im Gegensatz zu den "Nice-to-know"-Produkten im Konsumentenbereich. Nur der Markt für Kinder verhält sich anders: Hier handelt es sich oft um hochpreisige ‚Need-to-have‘-Produkte.“ (Das österreichische Grafische Gewerbe, Nr. 12/1997, S. 1-2)

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Daß sich Österreichs Verlage dennoch nicht entschließen können, im Bereich Neue Medien tätig zu werden, hat seinen Grund vor allem strukturelle Gründe. Die Entwicklung von Multimedia-Applikationen erfordert mehr Geld und Marketingaktivitäten als die Produktion von Büchern. Beides fehlt den Klein- und Mittelbetrieben in den meisten Fällen.

Insofern macht die Abstinenz einen gewissen Sinn: Wer bei der Entwicklung spart, hat den Wettbewerb schon verloren. Wer keinen funtionierenden Vertrieb in Deutschland hat, ebenfalls.

Dabei ist die Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum ohnehin eine künstliche. US-amerikanische Unternehmen veröffentlichen ihre CD-ROMs in vielen Fällen dreisprachig: Der Anwender ruft per Mausklick die englische, spanische oder japanische Version auf. Weltweite Kooperationen, das sei nur am Rande erwähnt, sind selbstverständlich.

Die Gründe für die Zurückhaltung sind freilich nicht nur in der Bilanz zu suchen sondern auch in den Köpfen der Entscheidungsträger. Selbst bereits traditionelle Medien wie Kassetten, Musik-CDs oder Videos kommen in Österreich selten bei etablierten Verlagen heraus. In vielen Fällen stehen dahinter Musikgruppen, Schulen oder Theater, die den mühevollen Weg der Eigenfinanzierung und Vermarktung bei Veranstaltungen auf sich nehmen.

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Leider dürfte die Frage nicht sein, ob die österreichischen Verlage von Buchproduzenten zu Medienunternehmen werden. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet vielmehr: Können die Verlage überhaupt überleben? Vielleicht sollte die Branche einen bereits klassischen Ratschlag beherzigen: "Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muß man noch mindestens doppelt so schnell laufen!" (Lewis Carroll: Alice hinter den Spiegeln)

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Heute ist der 8.5.1998. In der Zeit zwischen dem amerikanischen Thanksgiving Day und Silvester wurden in den Vereinigten Staaten über das Internet Güter im Wert von mehr als 10 Milliarden Schilling verkauft. In 235 Tagen wird der Euro eingeführt.

Wiener Zeitung 8.5.1998

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