Der Autor Bob Dylan ist ein radikaler Traditionalist / Von Gerald Jatzek
"If you take whatever there is to the song away - the beat, the melody - I could still recite it." (Bob Dylan 1965 )
Bob Dylan ist Lyriker und Musiker. In beiden Bereichen ist die Liste der Auszeichnungen lang und eindrucksvoll, und wenn er nicht in der Academy of American Poets aufscheint, so hat er doch eine Nominierung für den Nobelpreis vorzuweisen. Unabhängig von wechselnden Selbstdefinitionen - "Yipee! I'm a poet, and you know it. / Hope I don't blow it" ("I Shall Be Free No 10") aber auch "I’m a song and dance man, a trapeze artist" - sind sein Schreiben und Musizieren voneinander nicht zu trennen, das nichtvertonte Werk beschränkt sich auf den dünnen Erzählband "Tarantula" und verstreute Texte auf Covers.
Als Musiker wie Autor ist Dylan immer bemüht gewesen, seinen Werken neue Facetten abzugewinnen; das schließt die (tages)aktuelle Neufassung ebenso ein wie die Veränderung aus persönlichen Gründen, das Scheitern (als Sologitarrist) wie die Persiflage, die Dekonstruktion wie die Improvisation.
Mit Liedern, die ständigem Wandel
unterworfen sind, lässt er auf gedruckte Texte fixierten Philologen
unwissend und naiv erscheinen wie Soziologen, die das Leben auf einer
italienischen Piazza ausschließlich an Hand des Grundrisses erforschen
wollten. Dabei existiert das Original von "Masters of
War" so wenig wie das Original von Apuleius' "Der goldene Esel". Was man
heute von dem antiken "Sprechsteller" kennt, ist eben nur eine Fassung
der Geschichte, die er auf einer "Never Ending Tour" durch den Mittelmeerraum immer wieder
neu erzählte.
Profane Mythen
Dylan, heißt es in so gut wie jeder Annäherung an sein Werk, ist von der Folkmusik beeinflusst. Ja und? Das trifft auf Pete Seeger genau so zu wie auf Johnny Cash. Beide haben schöne, geradlinige Songs geschrieben, aber niemand käme auf die Idee, diese als Lyrik zu bezeichnen.
Tiefer geht Greil Marcus in "Basement Blues", in dem er an
Hand der "Basement Tapes", der Aufnahmen Dylans mit der Band 1967, die
Subgeschichte(n) des "American Way of Life" ausgräbt, Balladen von
Mördern, die Erlösung suchen, von Entwurzelten, die sich ihre paar
Stunden Heimat selbst brennen, Berichte von
"rough riders, ghost
poets,
low-down rounders, sweet lovers,
desperate characters,
sad-eyed
drifters and rainbow angels"
(Vorsatz zu "Writings & Drawings").
Marcus schreibt hinreißend
assoziativ über das böse, alte Amerika, das etwa im Vortrag eines
Dock Boggs zum
Vorschein kommt, den nicht nur Bruce Springsteen als Quelle der Inspiration
für Dylan identifizierte. Doch der Horizont der Untersuchung endet an den
Grenzen der gerade mal zweihundert Jahre alten USA. Marcus verweist zwar auf
Francis J. Childs "The English and Scottish Popular Ballads" (1882-1898),
verfolgt aber die Spuren in Europa nicht weiter.
Tut man dies, kommt man rasch zu dem Schluss, dass nicht das tatsächliche Ereignis wichtig ist sondern die Geschichte als solches. Erscheint sie (emotional) plausibel, reüssiert sie unabhängig von zeitlichen und räumlichen Distanzen. Sie wird zum Mythos.
Ein Beispiel für Dylans Annäherung an profane Mythen ist "Seven Curses": Ein Pferdedieb soll gehenkt werden. Der Richter verspricht der Tochter die Freilassung, wenn sie ihm zu Willen ist. Doch im Bett des Richters merkt sie, dass er sie hintergangen hat und (der Erzähler) verflucht ihn.
Dylans Vorbild war "Anathea", das er von Judy Collins lernte:
"Laszlo Feher stole a stallion,
stole him from
the misty mountain.
And they chased him and they caught him,
and in iron
chains they bound him."
John Bauldie behauptet eine Verwandtschaft zur Child-Ballade Nr. 95 "The Briary Bush" und übersieht dabei nicht nur die völlig andere Konstellation der Personen sondern auch den ungarischen Namen des Protagonisten. Tatsächlich existiert ein ungarisches Volkslied mit dem Titel "Fehér László lovat lopott", das auch Béla Bartók bei seinen Bearbeitungen "Magyar népdalok" verwendet hat.
Bei der Adaption des über räumliche,
zeitliche und sprachliche Grenzen hinweg tradierten Stoffes beweist Dylan sein
Gefühl für Formen. Bei Collins heißt lautet der Fluch am Ende
geradlinig
"Cursed be the judge so cruel.
Thirteen years may he lie
bleeding.
thirteen doctors cannot cure him,
Thirteen shelves of drugs
can't heal him."
Dylan steigert hier dramatisch
"These be seven curses on a
judge so cruel:
That one doctor will not save him,
that two healers will
not heal him,
that three eyes will not see him.
that four ears will not
hear him,
that five walls will not hide him,
that six diggers will not
bury him
and that seven deaths shall never kill him."
("Seven
Curses")
Nicht anders hielt es Apuleius, dessen Erzählung ebenso wie Lukians "Der Esel" auf die griechischen "Metamorphoses" des Lucius von Patras zurückgeht.
Judy Collins merkte dazu in einer Mail an Manfred Helfert an: "I see what Dylan has always done is to connect with this inner, subterranean river of the subconscious. It is what every artist must do."
Nun setzen solche Verknüpfungen ein umfangreiches Wissen um die Formen und Topoi der (mündlichen) Erzählung voraus. Damit gelingt Dylan in vielen Fällen Transformation alter Balladen in poetische Allegorien.
Das Original heißt "Lord Randall":
"O where have you been,
Lord Randall, my son?
Where have you been, my handsome young man?
I've
been to the wild wood, mother, and I want to lie down.
I met with my true
love, mother, make my bed soon.''
Dylans Adaption ist sein berühmtes "A Hard Rain's A-Gonna Fall":
"Oh, who did you meet, my
blue-eyed son?
Who did you meet, my darling young one?
I met a young
child beside a dead pony,
I met a white man who walked a black dog,
I met
a young woman whose body was burning,
I met a young girl, she gave me a
rainbow..."
Der Blues
Entgegen der Aussage von Francis Davis - "The only noticeable debt to black music is a harmonica style derived from Sonny Terry" (The Atlantic Monthly, Mai 1999) - hat Dylan stets musikalisch wie textlich bei schwarzen Musik Anleihen genommen. Selbst wenn man das Ruf-Antwortschema und die schwebend intonierten blue notes als mittelbaren Einfluss sieht, bleiben der talking blues und das double talking, - die Methode (vor allem) sexuelle Anspielungen an den Ohren puritanischer Sittenwächter vorbeizuschmuggeln, eine Taktik, die zu den Gattungsbezeichnungen Rock, Bop und Jazz führte, allesamt Bezeichnungen für sexuelle Aktivitäten.
Dylans Wurzeln reichen von Blind Lemon Jeffersons
"See That My Grave is Kept Clean" auf der ersten LP bis zu dem Song über
Blind Willie
McTell.
"When first I got the blues, they brought me over on an
ship.
Man was standing over me and a lot more with a
whip",
heißt es in B. B. Kings "Why I Sing The Blues".
Und bei Dylan:
"See them big plantations
burning,
hear the cracking of the whips,
smell that sweet magnolia
blooming,
see the ghosts of slavery ships.
I can hear them tribes
a-moaning,
hear that undertaker's
bell.
Nobody can sing the blues Like Blind Willie McTell."
("Blind Willie
McTell")
Die Bibel
Vom Standpunkt der Literatur aus ist Religion die Auswahl der Mythen, denen zu einem bestimmten Zeitpunkt ein übernatürlicher Ursprung zugeschrieben wird. Für den Schreibenden, der Stoffe sucht, unterscheiden sich religiöse Geschichten nicht von alltäglichen oder subkulturellen Mythen. Brecht nannte denn auch ohne Probleme die Bibel sein Lieblingsbuch.
Die Anleihen, die der 1979 getaufte Dylan beim Alten und Neuen Testament nimmt, provozieren bisweilen fanatische Diskussionen über seinen jüdischen/christlichen Glauben, für das Funktionieren von Texten sind derlei Abgrenzugsversuche unwichtig. Wesentlich interessanter sind die Montagen, die selten mit der reinen Lehre und so gut wie nie mit den Machtansprüchen der Glaubensgemeinschaften in Einklang stehen:
"In many a dark
hour
I've been thinkin' about this
that Jesus Christ was
betrayed by a
kiss.
But I can't think for you.
You'll have to decide
whether Judas
Iscariot
had God on his side."
("With God On Our
Side")
Des öfteren versetzt Dylan biblische Charaktere in erstaunliche Situationen:
"Well, John the Baptist
after torturing a thief
looks up at his hero the
Commander-in-Chief
saying, "Tell me great hero, but please make it
brief,
is there a hole for me to get sick in?"
("Tombstone
Blues")
Dabei interessiert ihn die Neuinterpretation erstaunlich wenig. Während Leonard Cohen die Geschichte vom autoritätshörigen Abraham als Urbild des Sohnesopfers im Krieg darstellt, kommt sie bei Dylan nur als ein Eindruck vom "Highway 61" vor:
"Oh God said to Abraham,
"Kill me a son."
Abe says, "Man, you must be puttin' me on."
God says,
"No." Abe says, "What?" God says, "You can do what you want Abe,
but the
next time you see me comin' you better run."
Well, Abe says, "Where do you
want this killin' done?"
God says, "Out on Highway 61."
Diejenigen, die an
Religion als Thema interessiert sind, erhalten eine ebenso klare wie poetische
Antwort in dem frühen Gedicht "Last Thoughts On Woody
Guthrie":
"You can either go to the church of your choice
Or you can go to Brooklyn State Hospital
You'll find God in the church
of your choice
You'll find Woody Guthrie in Brooklyn State Hospital
And
though it's only my opinion
I may be right or wrong
You'll find them
both
In the Grand Canyon
At sundown"
Traditionalist
Dylan hat nie alte Formen gesprengt. Er nutzt sie,
unbeeindruckt von literaturtheoretischen Diskursen, und erweitert,
Walt
Whitmans Oden ebenso wie die symbolistischen Dichtungen Rimbauds und
Verlaines oder die
ecriture
automatique der Surrealisten. Daher stehen in seinen Liedern bekannte
Wendungen und surreale Bilder oft in unmittelbarer Nachbarschaft. Der zumeist
nutzlosen theoretischen Diskussion über Lyrik setzt er einen Text
entgegen:
"And Ezra Pound and T. S. Eliot
fighting in the
captain's tower
while calypso singers laugh at them
and fishermen hold
flowers".
("Desolation Row")
Dylan hat damit (neben anderen wie Leonard Cohen und Phil Ochs) die Folkmusik weit über die über die ballad quatrain (4/3-füßige Jamben mit dem Reimschema a b c b) hinausgeführt und bewiesen, dass in der Populärkultur wie in der bürgerlichen Kultur literarische Qualität produziert und angenommen wird: "Desolation Row" verhält sich zu "My Darling Clementine" wie "Eugen Onegin" zu "Madame Butterfly".
Anm.: Zum Abspielen der Soundbeispiele sind der "Windows Media Player" und der "Real Audio Player" notwendig.
Erschienen...

...in der Wiener Zeitung am 18.5.2001