Bruce Springsteen trägt gerne Geschichte von unten vor. Andere haben das vor ihm gemacht, und ihnen zollt er gerne Tribut. Die 13 Songs auf dem jüngsten Album stammen von Pete Seeger, dem banjospielenden Großvater der heutigen Folkszene. Die Auswahl orientiert sich an Seegers 1960 erschienener Sammlung "American Favorite Ballads", die Interpretationen sind kraftvoll und ungeschliffen. Neben den üblichen Instrumenten wie Gitarre, Banjo und Geige sind auch die Tuba und sogar ein Waschbrett zu hören.
Seeger, der eben sein 87. Lebensjahr vollendet hat, war über die Jahre in vielen Rollen tätig: als Bürgerrechtskämpfer, Friedensaktivist und Mitgründer des Newport-Festivals. Wie Woody Guthrie hat Seeger Folksmusik stets in einem gesellschaftlichen Kontext gesehen. Getreu dem Diktum Eislers – "Wer nur was von Musik versteht, versteht auch von der nichts" – stellte er bei seinen Auftritten stets einen Zusammenhang zwischen den Liedern und den Lebensbedingungen her, unter denen sie entstehen, auf der Bühne der Carnegie Hall ebenso wie bei Versammlungen der Wanderarbeiter. Wobei die Vergangenheitsform eigentlich unangebracht ist: In den letzten beiden Aprilwochen absolvierte Seeger drei Konzerte, davon eines mit seinem Enkel Tao Rodriguez unter dem Motto "For Us, For Nicaragua". Dazu passt, was mir Woody Guthries Tochter Nora vor einigen Jahren erzählte: "Es ist unglaublich. Wenn es eine Demonstration gibt, ist Pete immer der Erste, der uns anruft."
Für Springsteen sind die Songs aus Pete Seegers Repertoire Vorläufer seiner eigenen Lieder: "John Henry", der mit seiner Muskelkraft gegen den Dampfhammer antritt, ist ein Verwandter der Arbeiter, die in "Youngstown" im Hochofen arbeiten. Und er geht diese Lieder, wie die ergänzende DVD zeigt, dementsprechend enthusiastisch an.
Er "zündete Kerzen an, schenkte Alkohol aus und schrammelte drauf los", lautet die Beschreibung in einem ebenso geist- wie inhaltslosen Text der DPA, der von agenturgläubigen Kopierjournalisten freudig übernommen wurde. In Wahrheit passierte das, was man von inspirierten Sessions kennt, bei denen das Repertoire und die Formen allgemein bekannt sind. Es wurde musiziert. Dabei erwacht sogar der wirklich steinalte "Old Tan Tucker" zu neuem Leben. Die Ballade von Jesse James beginnt wie ein Stück von "Nebraska", gewinnt an Fahrt und erinnert schließlich an die besten Stücke von Dylans "Basement Tapes". Die witzige Geschichte vom "Erie Canal" wird traditionell mit Banjo begleitet, zu dem ein Bläsersatz im besten Begräbnisstil von New Orleans auftritt. "O Mary Don't You Weep" wird durch das leichte Klezmerfeeling der Geigen wesentlich realistischer. In "Pay Me My Money Down" besorgt das der Text: Springsteen improvisiert "Well I wish I was Mr. Gates / They'd haul all my money in in crates". Schließlich gibt es noch eine beschwingte Fassung von "We Shall Overcome" ohne Pathos.
Wenn es an dieser Produktion etwas auszusetzen gibt, dann dass sie zu kurz ist. Daher fehlen die Lieder, die Pete Seeger selbst verfasst hat, etwa "Last Train To Nuremberg" oder das poetische "Snow, Snow". Wobei die sich sehr gut für eine Soloproduktion eignen würden.
Bruce Springsteen: We Shall Overcome. The Seeger Sessions (SonyBMG).
Gerald Jatzek, Wiener Zeitung, 13. Mai 2006