Das Wohin als Lebensmotto

CoverEin 14-Jähriger stiehlt sich aus einer Ärztefamilie davon und schließt sich eine Rodeoshow an. Als er sich mit "Adnopoz" vorstellt, sind die Lacher auf der anderen Seite. Dafür erhält er aber einen guten Rat von einem der Cowboys: "It ain't where you're from that counts. It's where you're going."

Daran hielt sich der Jüngling und wurde – über einige Zwischenstationen – zu Ramblin' Jack Elliott. Auf dem Weg dahin war er einige Zeit der Woody Guthrie-Imitator Nummer 1. Wobei der junge Dylan als Jack Elliott-Imitator galt, aber das ist eine andere Geschichte.

Der junge Elliott Charles Adnopoz macht sich also auf die Suche nach einem anderen Leben abseits von Empfängen bei Doctors und Wall Street, abseits der Analysen der "New York Times" und der College-Kurse. Er sucht einen Reiseführer – und findet den besten: Anfang der Fünfziger wird Woody Guthrie sein Vergil und macht ihn mit den wichtigen Personen des anderen Amerikas bekannt, den realen wie den mythischen.

Jack trifft die Dichter Allen Ginsberg und Jack Kerouac, die Musiker Cisco Houston und Pete Seeger, den Musikethnologen Alan Lomax und jede Menge Wanderarbeiter, Tramps und Hobos. Noch wichtiger waren aber wohl die Figuren aus den Songs: John Henry, der Bergarbeiter, der mit Muskelkraft zum Wettstreit mit dem Dampfhammer antritt, oder die mexikanischen Arbeitsemigranten, denen der Radiosprecher nach einem Flugzeugabsturz keine Träne nachweint, weil sie "just deportees" waren.

Ein Geschichtenerzähler

Guthrie hat die Gabe, Lieder zu schreiben, die so poetisch und vertraut sind wie Songs, die seit Generationen zurechtgesungen wurden. In der Ballade über den Banditen Pretty Boy Floyd, der bei Banküberfällen meist gleich die im Tresor gelagerten Hypothekenscheine verbrannte, formuliert er eine Art Ökonomie von unten: "As through this world I've wandered / I've seen lots of funny men. / Some will rob you with a six-gun, / and some with a fountain pen."

Elliott lernt, dass seine Stärke nicht das Schreiben von Songs, sondern deren Interpretation ist. Er wird zum Geschichtenerzähler, der die Figuren der Songs durch Tonfall und Mimik zum Leben erweckt, und sie Zwiegespräche mit der Gitarre halten lässt. Seine Technik des "flatpicking" – Akkordzerlegungen und Melodielinien, die mit dem Plektrum gespielt werden – entwickelt er aus vielen Quellen. Die Bassläufe des Country sind ebenso integriert wie die Blueslicks eines Blind Lemon Jefferson oder eines Brownie McGhee, jazzige Harmoniewechsel treffen auf den akzentuierten Rhythmus der Jug Bands.

1954 tritt Lonnie Donegan in England die Skifflewelle los, und Elliott, der nichts ahnend das Land besucht, wird für die Briten binnen kurzer Zeit zum Inbegriff amerikanischer Folkmusik. Er holt den Banjospieler Derrol Adams zur Unterstützung über den Atlantik, gemeinsam werden sie zu den Lehrmeistern einer Generation britischer Folkmusiker: Donovan hat sich dafür mit seiner "Epistle to Derrol" bedankt, die ineinander verwobenen Begleitlinien der beiden Amerikaner klingen noch Jahrzehnte später bei Pentangle oder Planxty nach.

Zurück in den Staaten, profitiert Elliott vom Folkboom der Sechziger, vor allem als Konzerttipp und nur selten durch den Verkauf von Platten. Das Radio spielt die geglätteten, hübschen Versionen der Folksongs, unliebsame Textstellen verschwinden in den Studios und Setzereien. Woody Guthries "This Land Is Your Land" erscheint ohne die kritischen Schlussstrophen in den College-Liederbüchern.

Doch Elliott ist längst eine Persönlichkeit, an der Bob Dylan nicht vorbeigehen kann, als er in den Siebzigern seine "Rolling Thunder Review" zusammenstellt, ein Zurück-zu-den-Wurzeln-Unternehmen, an dem auch Joan Baez, Woodys Sohn Arlo, T-Bone Barnett, Roger McGuinn und Robbie Robertson teilnehmen. In der Folge wird Dylan zum Mainstream Act, und Elliott ist wieder auf Achse. Er spielt, singt, trinkt und baut Schiffe, bisweilen nacheinander, bisweilen gleichzeitig. 1995 nimmt er sein erstes Studioalbum nach 25 Jahren auf, erhält einen Grammy und wird in der Folge ins Weiße Haus eingeladen.

Nun, mit 74 Jahren, hat er wieder eine CD aufgenommen, kein weises Alterswerk, kein Best-of, einfach eine Sammlung persönlich interpretierter Songs eines Künstlers, der sein Leben lang als "Rake & Ramblin' Boy" in Bewegung war. Sei es gemütlich mit der "Engine 143", unglücklich in Asien ("Hong Kong Blues") oder verschmitzt ("Leaving Cheyenne"). Sechs Tracks lang wird er von einer Combo in bester Spiellaune begleitet. Flea (Red Hot Chili Peppers) zupft den Bass, Nels Cline (Wilco) zupft diverse Melodiesaiten, DJ Bonebrake rührt die Trommeln. Und so wie Elliott mit dieser Rückendeckung "Driving Nails in My Coffin" singt, wird es noch lange brauchen, bis er damit fertig ist.

Ramblin' Jack Elliott: I Stand Alone. Anti/Edel Musica.

Gerald Jatzek, Wiener Zeitung, , 16. September 2006